Manifest des Netzes alternativen Widerstands

1. Widerstand ist Kreation

Entgegen der defensiven Position, in der sich protestierende oder alternative Bewegungen und Gruppen oft befinden, denken wir, dass wirklicher Widerstand – hier und jetzt- durch die Erschaffung alternativer Verbindungen und Formen geschieht, die Bewegungen, Gruppen und Personen den Weg bereiten, die durch eine Militanz fürs Leben den Kapitalismus und die Reaktion übersteigen. Wir glauben, dass wir heute nach einer langen Zeit der Zweifel, der Rückzüge und der Destruktion der alternativen Kräfte, auf internationaler Ebene dem Beginn einer Gegenoffensive beiwohnen. Dieser Rückgang war den Kräften des Neoliberalismus und dem Kapitalismus von großem Nutzen um einen guten Teil dessen zu zerstören, was 150 Jahre revolutionärer Kämpfe errichtet hatten. Widerstehen bedeutet also neue Formen zu schaffen, neue theoretische und praktische Hypothesen, die auf der Höhe der aktuellen Herausforderung sind.

2. Der Traurigkeit widerstehen

Wir leben in einer zutiefst von Traurigkeit geprägten Epoche. Nicht nur von der Traurigkeit der Tränen, sondern und vor Allem von der Traurigkeit der Ohnmacht. Die Männer und Frauen unserer Zeit leben in der Gewissheit, dass die Komplexität des Lebens so groß ist, dass das Einzige, was wir machen können – unter Gefahr sie noch zu steigern – darin besteht, uns der Disziplin des Ökonomismus, des Interesses und des Egoismus zu unterwerfen. Die soziale und individuelle Traurigkeit verzehrt und überzeugt uns, dass wir nicht mehr die Mittel haben, ein wirkliches Leben zu führen und folglich unterwerfen wir uns dem Befehl und der Disziplin des Überlebens. Der Tyrann bedarf der Traurigkeit, weil sich so jeder von uns in seiner kleinen – virtuellen und beunruhigenden – Welt isoliert, aber gleichzeitig bedürfen die traurigen Menschen des Tyrannen um ihre Traurigkeit zu rechtfertigen. Wir glauben, dass der erste Schritt gegen die Traurigkeit (die Form, in der der Kapitalismus in unserem Leben existiert) Kreation von solidarischen und konkreten Verbindungen ist. Die Isolierung durchbrechen, Solidaritäten schaffen ist der Beginn eines Engagements, einer Militanz, die nicht mehr „gegen", sondern „für" das Leben und die Freude funktioniert.

3. Widerstand ist Vielfalt

Der Kampf gegen den Kapitalismus, der sich nicht auf den Kampf gegen den Neoliberalismus beschränken kann, impliziert Praktiken der Vielfalt. Der Kapitalismus hat eine einzige und eindimensionale Welt erfunden, aber diese Welt existiert nicht „an sich". Um zu existieren erfordert sie unsere Unterwerfung und unser Einverständnis. Diese unifizierte Welt, die eine zur Ware gewordene Welt ist, widersetzt sich der Vielfalt des Lebens, widersetzt sich den unendlichen Dimensionen des Wunsches, der Vorstellung und der Kreation. Sie widersetzt sich grundsätzlich der Gerechtigkeit. Deshalb glauben wir, dass jeder Kampf gegen den Kapitalismus, der beansprucht global oder totalisierend zu sein, an die Struktur des Kapitalismus selbst gebunden bleibt, d.h. die Globalität. Der Widerstand muss von Vielheiten ausgehen und sie entwickeln mittels der Kreation von Netzen der Solidarität und Hilfe, aber keinesfalls in einer Richtung, die diese Kämpfe globalisiert und zentralisiert.

4. Widerstehen ist ein diffuses Zentrum

Ein Widerstandsnetz, das die Vielfalt respektiert, ist ein Zirkel, der sein Zentrum, auf poetische und paradoxe Weise, in allen Teilen hat.

5. Widerstehen heißt nicht die Macht wollen

150 Jahre Revolutionen lehrten uns, dass der Ort der Macht [poder], die Zentren der Macht im Gegensatz zur klassischen Sichtweise gleichzeitig Zentren minimaler Stärke [potencia] oder gar der Ohnmacht [impotencia] sind. Die Macht beschäftigt sich sozusagen mit dem Management und besitzt nicht in sich selbst die Möglichkeit von oben her die soziale Struktur zu verändern, wenn die Stärke der realen Verbindungen an der Basis dies nicht erlaubt. Die Potenz findet sich so tendenziell von der konstituierten Macht getrennt. Deshalb denken wir, dass was „oben" geschieht zur Ordnung des Managements gehört und dass die Politik im noblen Sinn ist, was „unten" geschieht, auf der Ebene der konstituierenden Macht. Deshalb wird der alternative Widerstand in dem Maß potent sein, in dem er der Falle der Erwartung den Rücken kehrt, d.h. dem klassischen politischen Dispositif, das den Moment der Befreiung auf ein „Morgen", auf ein „Später" verschiebt.

Die „befreienden Herren" ersuchen uns nach heutigem Gehorsam im Namen einer Befreiung, die wir morgen sehen werden, aber morgen bleibt immer morgen. Deshalb empfehlen wir den befreienden Herren (politischen Kommissaren, Verwaltungsleitern und anderen traurigen Militanten) die Befreiung jetzt und hier – und den Gehorsam dann morgen.

6. Der Serialität widerstehen

Die Macht unterstützt und entwickelt die auf die Ideologie der Unsicherheit gestützte Traurigkeit. Der Kapitalismus kann nicht existieren ohne zu serialisieren, ohne zu teilen, ohne zu trennen. Und die Trennung triumphiert dann, wenn nach und nach die Leute, die Völker und Nationen von der Sicherheit besessen leben. Nichts ist leichter zu disziplinieren als ein Volk von Schafen, das überzeugt ist, dass alle und jeder einzelne dem anderen ein Wolf sind. Die Unsicherheit und Gewalt sind real, aber nur in dem Maß wie wir es akzeptieren; d.h. dass wir diese ideologische Illusion akzeptieren, die uns glauben macht, dass wir, jeder von uns, ein von den anderen getrenntes Individuum seien. Der traurige Mensch lebt als ob er auf eine Bühne geworfen wäre; die anderen sind Statisten. Die Natur, die Welt und die Tiere sind „nutzbar" und jeder einzelne von uns der zentrale und einzige Hauptdarsteller unserer Leben. Das Individuum ist noch keine Person, das Individuum ist eine Illusion, eine Etikette; Person dagegen ist jeder einzelne von uns, allerdings unter der Bedingung die Augen auf die Realität unserer Zugehörigkeit zu diesem sozialen Ganzen zu öffnen, das die Welt ist.

Es geht darum die Etiketten von Beruf, Nationalität, Familienstand, Arbeitslosen, Arbeitnehmern und Behinderten zurückzuweisen, durch welche die Macht versucht die Vielheit, die jeder von uns ist, zu uniformieren und platt zu machen. Aber wir sind mit Vielheiten gemischte Vielheiten. Deshalb ist das soziale Band nichts was man konstruieren müsste, sondern etwas, das man annehmen müsste. Die Individuen, die Etiketten bevölkern und verstärken die virtuelle Welt. Sie erhalten Nachrichten ihrer eigenen Leben über den Bildschirm des Fernsehers. Der alternative Widerstand impliziert dem Wirklichen der Männer und Frauen wie der Natur einen Ort zu geben. Die Individuen befinden sich als traurige Sesshafte in ihren Etikettierungen und Rollen gefangen. Deshalb impliziert die Alternative einen libertären Nomadismus auf sich zu nehmen.

7. Ohne Herren widerstehen

Die Schaffung eines anderen Lebens geschieht grundsätzlich durch Kreation von Alternativen, von Lebensweisen, von Modi des Wünschens. Wenn wir das wünschen, was der Herr besitzt, wenn wir auf die selbe Art wünschen wie der Herr, werden wir dazu verurteilt sein die berühmten Revolutionen zu wiederholen, aber diesmal im Sinn, den die Physik dem Wort „Revolution" beimisst, d.h. einer vollständigen Rückkehr an den selben Punkt. Folglich geht es darum im Konkreten neue Praktiken und Bilder des Glücks zu erfinden und zu erschaffen. Wenn wir denken, man könne nur auf die individualistische Art des Herren glücklich sein und eine Revolution anstreben, die uns Befriedigung verschaffe, dann werden wir auf Ewig dazu verurteilt sein, die Herren auszutauschen. Man muss keinen Kommunismus der Notwendigkeit schaffen, sondern des Genuss, den die Solidarität gibt. Man darf nicht auf traurige Art teilen, d.h. weil wir verpflichtet sind. Mann muss den Genuss eines volleren, freieren Lebens entdecken. In der Gesellschaft der Trennung, der Atomisierung, sprich in der kapitalistischen Gesellschaft, finden die Männer und Frauen nicht, was sie wünschen, und müssen sich damit begnügen, das zu wünschen, was sie antreffen. Die Trennung ist so Trennung der einen von den anderen, von jedem einzelnen von uns von der Welt, des Arbeiters von seinem Produkt, aber gleichzeitig sind wir, jeder einzelne von uns, von uns selbst getrennt und exiliert. Das ist die Struktur der Traurigkeit.

8. Eine Politik der Freiheit

Tatsächlich verbindet sich die Politik, in ihrem tiefen Sinn, mit den emanzipatorischen Praktiken, mit den Ideen und Bildern des Glücks, die aus ihnen hervorgehen. Politik ist Treue zu einer aktiven Suche der Freiheit. Gegen diese Idee der Politik erhebt sich die Politik als Management der Situation, so wie sie gegeben erscheint. Das Management ist ein Moment, ist eine Aufgabe, ist ein Aspekt. Aber dieses Element gibt vor das Ganze zu sein. Es beansprucht die Gänze der Politik. Es verlangt die ganze Aufmerksamkeit und hierarchisiert die Prioritäten, wobei es die vitalen Energien, die es überborden, beschränkt, bremst und institutionalisiert. Das Management ist Repräsentation und die Repräsentation als solche ist nur ein Teil der wirklichen Bewegung. Diese – die wirkliche Bewegung – bedarf der Repräsentation nicht um zu leben, und diese – die Präsentation – zielt darauf ab, die Potenz von der Präsentation abzugrenzen.

Revolutionäre Politik ist diejenige, die in jedem Moment der Freiheit folgt, aber ohne dabei wesentlich an Menschen oder Institutionen gebunden zu sein, sondern als dauerhaftes Werden, das nicht akzeptiert sich anzuketten, Wurzeln zu schlagen, sich zu inkarnieren noch zu institutionalisieren. Die Suche der Freiheit verbindet sich mit der Konstitution der wirklichen Bewegung, der praktischen Kritik, der permanenten Infragestellung und der unbegrenzten Entwicklung des Lebens.

In diesem Sinn ist revolutionäre Politik nicht das Gegenteil des Managements. Dieses ist als Teil des Ganzen Teil der Politik. Da das Management im Gegenzug das Ganze der Politik sein will, ist es genau der Mechanismus der Virtualisierung, der uns in die Ohnmacht versenkt.

Politik als solche ist nicht, außer als Harmonie der Vielfalt des Lebens in permanentem Konflikt mit seinen eigenen Grenzen. Freiheit ist die Entfaltung seiner Kapazitäten und Potenzen, das Management ist nur ein begrenztes und eng umschriebenes Moment, in dem diese Entfaltung sich repräsentiert.

9. Widerstand und Gegenkultur

Widerstehen heißt Gegenmacht und Gegenkultur schaffen und entwickeln. Die künstlerische Kreation ist kein Luxus des Menschen, sie ist eine Lebensnotwendigkeit, derer sich die immensen Mehrheiten enteignet finden. In der Gesellschaft der Traurigkeit wurde die Kunst vom Leben abgetrennt, mehr noch, die Kunst wurde immer mehr von der Kunst selbst abgetrennt, weil sie von den Marktwerten besessen und angesteckt ist. Deshalb verstehen die Künstler vielleicht besser als andere, dass Widerstand Kreation ist. Auch an sie richten wir uns, damit die Kreation die Traurigkeit, d.h. die Trennung, überwinde, damit die Kreation sich on der Falle des Geldes befreie und ihren Ort im Schoß des Lebens wiedererlange.

10. Der Trennung widerstehen

Widerstehen bedeutet gleichzeitig die kapitalistische Trennung von Theorie und Praxis, von Ingenieur und Arbeiter wie von Kopf und Körper zu überwinden. Eine Theorie, die sich von den Praktiken löst, transformiert sich in eine sterile Idee. So, wenn an unseren Universitäten Tausende steriler Ideen existieren; aber auch die Praktiken, die sich von der Theorie lösen, verdammen sich aus Mattigkeit in einem Schicksal der Autoabsorbtion zu verschwinden. Folglich heißt widerstehen Bindungen zwischen den theoretischen Hypothesen und den praktischen Hypothesen schaffen, so dass jeder, der etwas zu machen weiß, auch versteht es jenen zu vermitteln, die sich befreien möchten. So erschaffen wir die Beziehungen und Bindungen, die die Theorien und Praktiken der Emanzipation potenzieren, die den Gesängen der Sirenen, die uns vorschlagen „uns um unser Leben zu kümmern", den Rücken zukehren, und antworten auf diese Weise, dass unsere Leben, eben weil sie keine Überleben mehr sind, sich weit über die Grenzen unserer Haut hinaus erstrecken.

11. Der Normalisierung widerstehen

Widerstehen bedeutet ebenfalls den fälschlich demokratischen Diskurs zu dekonstruieren, der vorgibt sich mit ausgeschlossenen Sektoren und Menschen zu beschäftigen. In unseren Gesellschaften existieren keine „Ausgeschlossenen"; in unseren Gesellschaften sind wir alle auf unterschiedliche Arten eingeschlossen, auf mehr oder weniger unwürdige und schreckliche Arten, aber eingeschlossen. Der Ausschluss ist kein Unfall, ist kein Exzess. Was sie Ausschluss und Unsicherheit nennen, müssen wir als Essenz selbst dieser Gesellschaft sehen, die den Tod liebt. Deshalb beinhaltet es gegen die Etiketten zu kämpfen auch unseren Wunsch uns mit den Kämpfen der so genannten „Anormalen" oder Behinderten zu verbinden. Wir sagen, dass es keine anormalen Männer oder Frauen gibt, keine behinderten Männer oder Frauen. Es existieren unterschiedliche Personen und Seinsweisen. Die Etiketten agieren wie Mini-Konzentrationslager, in denen jeder einzelne von uns durch ein gegebenes Niveau der Ohnmacht definiert wird. Was uns interessiert ist die Stärke, die Freiheit. Ein Behinderter existiert nur in einer Gesellschaft, die die Trennung von Starken und Schwachen akzeptiert. Wenn wir dies – eine Barbarei – zurückweisen, können wir das Einkästeln, die Selektion des Kapitalismus nicht beibehalten. Deshalb impliziert die Alternative eine Welt, in der jeder von uns seine Fragilität annimmt und in der jeder von uns entwickelt was er kann, mit den anderen und fürs Leben. Wir kennen beispielsweise den unglaublichen Reichtum der Gehörlosenkultur, geschaffen als couragierte Männer und Frauen es verstanden haben das Gefängnis der medizinischen Taxinomie bersten zu lassen, ebenso wie den Kampf gegen die Psychiatriesierung der Gesellschaft und so viele andere Kämpfe, die, weit davon entfernt kleine Kämpfe um ein bisschen mehr Raum zu sein, wirkliche Kreationen sind, die das Leben bereichern. Deshalb laden wir auch Gruppen des Kampfes gegen die disziplinäre medizinisch-soziale Normalisierung ein mit uns Widerstand zu leisten.

Ein anderer Punkt betrifft die den Erziehungssystemen eigenen Disziplinierungsformen. Normalisierung operiert hier als permanente Androhung des Scheiterns oder der Arbeitslosigkeit. Im Gegenzug existieren parallele, alternative und vielfältige Erfahrungen hinsichtlich der Scolarisierung, in denen sich die mit der Erziehung verbundenen Probleme in einer andersartigen Logik entfalten.

Behinderte, Arbeitslose, Rentner, marginalisierte Kulturen, Homosexuelle sind Formen soziologischer Klassifizierung, die trennend und isolierend agieren – ausgehend von der Ohnmacht, von dem was sie nicht können – und dabei das Multiple, das Reiche, das was voller Potenz gesehen werden kann, unilateral und arm zurücklassen.

12. Der Rückfaltung widerstehen

Widerstehen heißt auch die Versuchung einer Rückfaltung der Identität zurückzuweisen, die Nationale von Ausländern trennt. Immigration und Migrationsströme sind kein Problem, sondern eine profunde Realität der Menschheit, schon immer und für immer. Es geht nicht darum philanthropisch gut zu den Ausländern zu sein; es geht darum, den Reichtum, den die Creolität schafft, zu wollen. Widerstehen heißt Verbindungen zwischen denen „ohne" zu schaffen: ohne Dach, ohne Arbeit, ohne Papiere, ohne Würde, ohne Erde, all denen „ohne", die nicht die „richtige Hautfarbe", die richtige Sexualpraktik usw. besitzen. Eine Union des Ohne, eine Brüderlichkeit derer ohne, nicht um „mit" zu sein, sondern um Gesellschaften zu errichten, wo die „ohne" und die „mit" nicht mehr existieren.

13. Dem Unwissen Widerstand leisten

Unsere Gesellschaften, die vorgeben wissenschaftliche Kulturen zu sein, sind in Wirklichkeit, von einem historischen und anthropologischen Gesichtspunkt aus, derjenige Gesellschaftsmodus, der den maximalen Unwissenheitsgrad produziert hat, den das menschliche Epos gekannt hat. Während die Menschen in jeder Kultur Techniken besaßen, ist unsere Gesellschaft die erste wesentlich von der Technik besessene. 90 Prozent unserer Zeitgenossen sind unfähig zu wissen was zwischen dem Moment, in dem sie die Knöpfe drücken und dem Moment, in dem sich der gewünschte Effekt produziert, passiert. 90 Prozent unserer Zeitgenossen befinden sich fast alle Hebel und Mechanismen der Welt, in der sie leben, in Unkenntnis. Unsere Kultur produziert also unwissende Männer und Frauen, die sie, weil sie sich aus ihrer Mitte exiliert fühlen, ohne weiteres zerstören können. Die Gewalt dieses Exils ist so groß, dass sich die Menschheit zum ersten Mal der realen und konkreten – vielleicht unvermeidlichen – Möglichkeit ihrer Zerstörung gegenüber sieht. Sie sagen uns, dass die Menschen, die Technik angesichts ihrer Komplexität akzeptieren müssten ohne sie zu verstehen, aber das ökologische Desaster zeigt, dass jene die glauben die Technik zu verstehen, weit davon entfernt sind, sie zu meistern. Es ist dringend, Kollektive zu schaffen, Sozialisationskerne und –Foren des Wissens, damit die Menschen von neuem in der realen Welt Fuß fassen können. Heute stellt uns die Technik der Genetik an den Rand einer Selektion der menschlichen Wesen nach Übereinstimmung mit Kriterien der Produktivität und des Gewinns. Die Eugenetik entmenschlicht die Menschheit im Namen des Guten. Sie sagen uns von den Bildschirmen, die unsere Leben anordnen, dass wir schon zum Klonen eines menschlichen Wesens fortschreiten können - und unsere traurige verirrte Menschheit weiß nicht was ein menschliches Wesen ist. Dies sind zutiefst politische Fragen, die nicht in den Händen der Techniker bleiben dürfen. Die res publica darf keine res technica werden.

14. Permanenter Widerstand

Widerstehen heißt bekräftigen, dass Freiheit, im Gegensatz zu dem was wir glauben konnten, niemals das Tor einer Ankunft sein wird. Paradoxerweise drückt uns die Hoffnung in die Traurigkeit nieder. Freiheit und Gerechtigkeit existieren nur hier und jetzt, in den und durch die Wege, die sie errichten. Es gibt weder den guten Herrn noch die realisierte Utopie. Utopie ist der politische Name der Essenz des Lebens selbst, d.h. permanentes Werden. Deshalb wird das Ziel des Widerstandes niemals die Macht sein. Die Macht und die Mächte sind dazu verurteilt sich nicht zu weit davon zu entfernen, was ein Volk wünscht. Deshalb ist es immer eine sklavische Einstellung zu glauben, dass die Macht über das Reale unseres Lebens entscheidet. Deshalb – wir sagten es bereits – bedarf der traurige Mensch des Tyrannen. Es genügt nicht, die Männer, die die Macht okkupieren, zu bitten dieses oder jenes Gesetz zu erlassen, abgetrennt von den Praktiken der sozialen Basis. Zum Beispiel können wir eine Regierung nicht ersuchen, Gesetze der Solidarität mit Ausländern zu erlassen, wenn wir nicht an der sozialen Basis diese Solidarität herstellen. Gesetz und Macht müssen, wenn sie demokratisch sind, den Zustand des wirklichen Lebens der Gesellschaft widerspiegeln. Deshalb ist unser Problem nicht, dass die Macht korrupt und willkürlich wäre. Unser Problem und unsere Herausforderung ist die Gesellschaft, die diese Macht reflektiert, d.h. unsere Aufgabe als freie Männer und Frauen ist, dass Bindungen der Solidarität, der Freiheit und Freundschaft existieren mögen, die wirklich verhindern, dass die Macht reaktionär ist. Es gibt nicht mehr Freiheit als die Praktiken der Befreiung.

15. Kampf ist die Alternative

Man kann nicht wirklich Antikapitalist sein und gleichzeitig die Bilder des Glücks und der Verwirklichung akzeptieren, die dasselbe System generiert. Wenn man wünscht wie der Herr zu sein, zu haben was der Herr hat, ist man in der Position des Sklaven. Der Weg der Freiheit ist unkompatibel mit dem Wunsch der Herren. Aus dem Widerstand steigen andere Bilder des Glücks und der Freiheit auf, alternative Bilder, gebunden an Kreation und Kommunismus.

Die Macht des Herren zu ersehnen ist der Gegensatz des Freiheitswunsches. Freiheit ist freies Werden, ist Kampf. Die Komposition von Bindungen steigert die Stärke, die kapitalistische Trennung vermindert sie. Der Kampf für die Freiheit ist schon kommunistischer Kampf zur Widererlangung und Steigerung der Kraft. Im Gegenzug operiert der Kapitalismus durch Abstraktion, durch Serialisierung und Verdinglichung, wobei er Bindungen zersetzt und uns der Ohnmacht unterwirft. Deshalb sind die Kämpfe der Freiheit und Demokratie permanentes Werden, die keine definitive Verkörperung finden. Deshalb geht der Kampf immer darum sich mit der Kraft zu treffen, Bindungen herzustellen, den Wunsch der Freiheit in jeder konkreten Situation zu nähren.

16. Arbeiterwiderstand

Widerstand und Kreation von neuen Gesellschaften fordern, dass wir ebenfalls die Frage des so genannten revolutionären Subjekts durchdenken, d.h. der Arbeiterklasse, der messianischen Person im modernen Historizismus. Im Gegensatz zu dem, was die postmodernen Soziologen der Komplexität behaupten, steht die Arbeiterklasse nicht im Begriff zu verschwinden. Allein die Arbeiterfunktion deplaziert sich und ordnet sich geographisch neu an. Wenn es in den Ländern des Zentrums weniger Arbeiter gibt, so hat sich die Produktion zu den so genannten Ländern der Peripherie hin verschoben, wo brutale Ausbeutung von Männern, Frauen und Kindern den kapitalistischen Unternehmen enorme Gewinne garantiert. In der Folge drängen sich den populären Klassen in den Ländern des Zentrums nationale Allianzen mittels der Evozierung von Unsicherheit und Angst auf, um die Dritte Welt noch besser auszubeuten. Wir sagen, dass die kapitalistische Produktion eine diffuse, ungleiche und zusammengesetzte Produktion ist. Deshalb muss der Kampf, der Widerstand vielfältig aber gleichzeitig solidarisch sein. Es gibt keine individuelle oder sektoriale Befreiung. Freiheit konjugiert sich nur in universalen Begriffen, oder anders gesagt, meine Freiheit endet nicht dort, wo die Freiheit des anderen beginnt, sondern meine Freiheit existiert gar nicht, außer unter der Bedingung der Freiheit des anderen. Wir denken, dass, auch wenn es kein revolutionäres Subjekt gibt, doch auf alle Arten vielfältige revolutionäre Subjekte existieren. Heute sehen wir Koordinationen, Kollektive und Arbeitergruppen erblühen, die in ihren Forderungen die sektorialen Kämpfe weit überborden. Diese Kämpfe müssen in jeder Singularität, in jeder konkreten Situation die Schubladen des Herrn überwinden, d.h. die Trennung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitslosen, zwischen Nationalen und Ausländern zurückweisen. Nicht, weil der Angestellte, Nationale, Mann, Weiße karitativ wäre mit dem Arbeitslosen, Ausländer, der Frau, dem Behinderten, Kleinen, sondern weil jeder Kampf, der diese Differenzen akzeptiert und reproduziert – man muss es deutlich und ein für alle mal sagen – ein Kampf ist, der, und mag er noch so gewaltig sein, den Kapitalismus respektiert und stärkt.

Aber die Arbeiterfunktion verschiebt sich auch in anderem Sinn. Von der klassischen Fabrik als privilegiertem physischen Raum der Wertbildung zur sozialen Fabrik, in der das Kapital die Aufgabe angeht alle und jede der sozialen Tätigkeiten zu koordinieren und zu subsumieren. Der Wert breitet sich in der ganzen Gesellschaft aus. Er zirkuliert durch die vielfältigen Formen der Arbeit. Die kapitalistische Akkumulation weitet sich auf die Gänze der Gesellschaft aus und kann deswegen an jedem Punkt des Kreislaufs über Akte der Insubordination sabotiert werden. Die Arbeit setzt die Welt in vielfältigen Formen in Wert, mittels der Kombination eines Komplexes rein technischer, beruflicher, administrativer und kreativer Aufgaben, seien sie manuell oder intellektuell. An der Basis des ganzen Prozesses befindet sich die Stärke der Kooperation als Produktivkraft des Werts.

17. Arbeit und keine Arbeit

Ein Teil der Konstruktion der Hierarchien und Klassifikationen, die sich uns aufzwingen, nehmen in der Konfusion der technischen Arbeitsteilung und der sozialen Arbeitsteilung ihren Ausgang. Unter dem Begriff der Arbeit verstehen wir zwei unterschiedliche Dinge. Einerseits eine konstitutive, anthropologische und ontologische Aktivität des Menschen, die Verbindung der sozialen Beziehungen, die uns formen, die materialistische Perspektive von Gesellschaft und Geschichte. Andererseits aber ist Arbeit dieser entfremdende Zwang, diese moderne Sklaverei, unter der uns das Kapital in Klassen auftrennt. Jene lässt uns leiden, wenn wir sie haben und wenn wir sie nicht haben. Die Arbeit in diesem letzten Sinne abschaffen heißt die Möglichkeiten der kommunistischen Idee der Arbeit zu realisieren, derjenigen des ersten Sinns.

Die Hierarchien, die in der Eindimensionalität des Lebens, in der Frage entfremdeter Arbeit, in der Lohnarbeit gründen, müssen sich in der Öffnung auf die Vielfältigkeit von Wissen und Lebenspraktiken auflösen.

Die Arbeit, vom ontologischen Gesichtspunkt aus gesehen, die Verbindung von Aktivitäten (technische, wissenschaftliche, künstlerische, politische), die in der Tat die Welt in Wert setzen, ist ebenso eine Quelle radikaler Demokratisierung und definitives und vollständiges Infragestellen des Kapitalismus.

18. Widerstehen heißt Praktiken konstruieren

Widerstehen heißt dann eben nicht Meinungen zu haben. In unserer Welt gibt es im Gegensatz zu dem, was man glaubt, kein „Einheitsdenken", es gibt Massen unterschiedlicher Ideen. Was geschieht ist, dass unterschiedliche Meinungen nicht wirklich alternative Praktiken implizieren und deshalb sind diese Meinungen nur Meinungen unter dem Imperium des Einheitsdenkens, d.h. der Einheitspraxis. Man muss diesen Mechanismus der Traurigkeit anhalten, der verschiedene Meinungen und einheitliche Praktiken haben macht. Mit der Welt des Spektakels zu brechen bedeutet nicht mehr Zuschauer unseres Lebens, Zuschauer der Welt zu sein. Die virtuelle Welt anzugreifen, diese Welt, die um uns zu disziplinieren, um uns zu serialisieren, dessen bedarf, dass wir alle und jeder zur selben Stunde am Fernseher sitzen um uns zu informieren, bedeutet dann nicht auf abstrakte Weise zu sagen wie die Welt, die Wirtschaft, die Erziehung sein müssten. Widerstehen heißt Millionen Widerstandspraktiken und –Kerne kreieren, die sich nicht von dem einfangen lassen, was die virtuelle Welt „Ernsthaftigkeit" nennt. Wirklich ernsthaft zu sein besteht nicht darin die Globalität zu denken und unsere Ohnmacht zu konstatieren. Ernsthaft sein impliziert hier und jetzt die Netze und Verbindungen des Widerstands zu errichten, die das Leben von dieser Welt des Todes befreien. Die Traurigkeit ist zutiefst reaktionär. Sie ist zwar verständlich aber bleibt dennoch zutiefst reaktionär. Traurigkeit macht uns ohnmächtig. Befreiung ist schließlich auch Befreiung von den politischen Kommissaren, oder zusammengefasst, von all diesen mürrischen und traurigen befreienden Herrn. Deshalb ist widerstehen auch diese Einladung Netze zu schaffen, die uns aus der Isolierung herausholen. Die Macht will uns isoliert und traurig, verstehen wir es fröhlich und solidarisch zu sein.

In diesem Sinn begreifen wir die Militanz nicht als individuelle Wahl. Wir alle haben einen bestimmten Grad des Engagements. Die Unengagierten oder Unabhängigen existieren nicht. Wir sind alle eingebunden. Das Problem besteht darin zu wissen, welchen Grad des Engagements man hat und, zum Anderen, auf welcher Seite des Kampfes jemand engagiert ist.

19. Sich verbinden heißt sich potenzieren

Hieraus ergibt sich die unumgängliche Reflexion unserer Praktiken: sie zu denken, sie wieder sichtbar, intelligibel und verständlich zu machen. Was wir tun konzeptualisieren zu können, ist Teil der Legitimität unserer Konstruktionen und außerdem der Sozialisierung von Wissen, zwischen denen wir handelnd denken und denkend handeln. Unsere eigenen Leser, Denker und Theoretiker unserer Praktiken sein, um zu vermeiden, dass wir uns mit normalisierenden Lektüren selbst verarmen. Fähig sein den Wert unserer Arbeit zu schätzen.

20. Widerstehen heißt Verbindungen schaffen

Dieses Manifest ist keine Einladung sich einem Programm anzuschließen und noch weniger einer Organisation. Wir laden die Männer und Frauen, die Gruppen und Kollektive, die sich in diesen Betrachtungen reflektiert fühlen, lediglich dazu ein mit uns Kontakt aufzunehmen, uns ihre Erfahrungen und Beunruhigungen zu erzählen, um hier und jetzt damit anzufangen die Isolierung zu zerstören.

Wir bitten jene, die dieses Manifest in den verschiedenen Ländern über unterschiedliche Medien erreicht, es zu kopieren und über die Medien, über die man verfügt, zu verteilen.

Für unseren Teil denken wir, ohne uns Methoden wie des Internet berauben oder diese von uns zu weisen, dass es besser wäre, könnte dieses Manifest auf konkretere Weise von Hand zu Hand zirkulieren könnte.

All jene, die allein oder in Gemeinschaft Kommentare, Vorschläge oder Berichte verfassen möchten, mögen uns diese zukommen lassen. Wir verpflichten uns, sie durch das Netz alternativen Widerstands – RED DE RESISTENCIA ALTERNATIVA - zirkulieren zu lassen.

Da wir kein Zentrum oder keine Leitung sein wollen, stellen wir den Compañero s und Freunden die Kontakte des R.R.A. zur Verfügung, damit sich diese, die Projekte und Dialoge nicht in konzentrischer Form vollziehen.

21. Kollektiv von Kollektiven

Viele unserer Kollektive und Gruppen besitzen Zeitschriften oder Veröffentlichungen. In ihnen finden sich oft Erfahrungen und Wissen, die sehr nützlich für die anderen Gruppen sein können. Das R.R.A. nimmt sich vor diese libertären Wissen, die dem Kampf der Compañeros helfen und ihn verstärken können, zu sammeln und den anderen Gruppen zur Verfügung zu stellen.

Hunderte Kämpfe erschöpfen sich durch Isolierung oder aus Mangel an Unterstützung. Hunderte Kämpfe sehen sich gezwungen, sozusagen bei Null anzufangen. Und jeder Kampf, der scheitert, ist nicht nur eine „Erfahrung"; jedes Scheitern stärkt und impft den Feind. Daher die Notwendigkeit, uns zu helfen, „solidarische Hintergründe" zu schaffen, damit jede Person, die an egal welchem Ort der Welt auf ihre Art und in ihrer Situation für das Leben und gegen die Unterdrückung kämpft, auf uns zählen kann, wie wir hoffentlich auf Euch/Sie zählen können.

22. Aktiver Antikapitalismus

Der Kapitalismus wird nicht von oben her einstürzen. Deshalb gibt es in der Errichtung von Alternativen keine kleinen oder großen Projekte.

Aus dem Herbst von Buenos Aires, 1999

Unterzeichner:

Colectivo Situaciones (Argentinien)

Asociación Madres de Plaza de Mayo (Argentinien)

Colectivo Amauta (Peru)

Malgré Tout (Paris, Frankreich)

Traducido por Christoph Dittrich, M.A.

 

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